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Spanien: Winter 1999/2000

Reisebericht von Erich Liebig

 

Wir sind am 24. Dezember 1999 von Wien nach Rust gefahren, um uns reisefertig zu machen. Es war saukalt, und wir hatten zu zweit größte Mühe, den Wohnwagen von der Parzelle zu schaffen, da habe ich mir, durch die Kälte, bei der Anstrengung, einen Muskelriß am rechten Oberschenkel zugezogen. Ich war so sauer, daß wir ohne weiter zu packen, um 10:00 Uhr losgefahren sind. Bei wenig Verkehr ging es gut voran. Um 21:00 Uhr hielten wir kurz vor der französischen Grenze. Ich war guten Mutes, schon am nächsten Tag unser Reiseziel zu erreichen. Um 3:00 Uhr früh fuhren wir weiter. Doch nach 400 Kilometern befanden wir uns um 11:00 Uhr wieder dort, wo wir um 3:00 Uhr früh waren. Wie das? Nun, Albi, meine Frau, hat den Aufzeichnungen und Fahrkarten des Computers nicht geglaubt und unbedingt über Bologna nach Genua fahren wollen. Also, wieder zurück – 400 leere Kilometer. In Italien bedrohten uns so starke Sturmböen, daß wir anhalten mußten und im Wohnwagen fürchteten umgelegt zu werden. Plötzlich gingen die Lichter aus, unsere Taschenlampen halfen. Der Sturm legte sich. Ich beschloß, hier nicht zu übernachten und doch noch einige Kilometer unserer Irrfahrt gutzumachen. Vor der Abfahrt kontrollierte ich noch die Lichter und, oh Schreck, die Blinker vom Auto und Wohnwagen funktionierten nicht mehr!! Was tun? Weiterfahren – mit größter Vorsicht! Einige Stunden Schlaf in Frankreich, und weiter geht's noch in der Nacht.

Am Morgen nach Barcelona, überholte uns ein Auto mit verbeultem, vorderen linken Kotflügel. Der Fahrer schwenkt seinen Arm aufgeregt aus dem Fenster und schreit uns an. Dabei drängt er uns an den Pannenstreifen. Wie er vor uns langsamer wird, schwenke ich zurück auf die alte Spur und beschleunige wieder, um nicht nachfolgende Autos zu gefährden, hatte ich doch keinen Blinker! Ich rief Albi zu: "Falls so etwas noch einmal passiert, nimm sofort das Handy und tu so als würdest du telefonieren". Kurz danach sehe ich vor mir einen Sportwagen, der mir durch seine langsame Geschwindigkeit auffällt. Sein verdrecktes Kennzeichen kann ich nicht lesen. Der Sportwagen wird noch langsamer. Unsere Fahrzeuge sind jetzt auf gleicher Höhe. Der Fahrer gestikuliert wild und zeigt auf unseren Wohnwagen, aber er hat nicht mit Albi und ihrem Handy in der Hand gerechnet. Der Gangster sieht sie und braust mit Vollgas davon.

Freibeuter auf der "Autopista" – die Touristenfalle A7 bei Barcelona – Ohnmacht der Behörden: "El Camarada" hat es einstweilen auf 19 Verhaftungen gebracht, "El Cordo Ever" auf 23, "El Mueve-Mueve" auf 56 und "El Mejicano" sogar auf 70. Aber keiner der chronischen Missetäter, die auf diese klangvollen Spitznamen hören, konnte bisher längerfristig aus dem Verkehr gezogen werden. "Aus dem Verkehr" ist wörtlich zu verstehen. Die vier gehören zu einer ungefähr dreißigköpfigen Räuberbande, die seit Jahren die Autobahn A7 zwischen der französisch-spanischen Grenze unsicher macht. Besonders umtriebig sind die Wegelagerer auf den 42 Kilometern zwischen Grannollers und Martorell, der Umfahrung von Barcelona. An die tausend Ferienreisende haben allein zwischen Januar und Juli des Vorjahres ihre Bekanntschaft gemacht, unfreiwillig, aber doch willig. Das Vorgehen ist, mit einigen Varianten, immer das gleiche. Die oft übermüdeten Touristen werden durch aufgeregte Handzeichen von der Nebenspur auf den Pannenstreifen gelockt, weil angeblich der Auspuff Feuer spuckt, oder sonst etwas mit dem Auto nicht stimmt, und dann werden sie von den vermeintlichen Helfern um ihr Gepäck erleichtert.

"Torre La Sal '2" ist ein gepflegter Familiencampingplatz, drei km nördlich von Oropesa del Mar, mit idealem Klima das ganze Jahr, und mit vielen Grünpflanzen direkt am Strand. Sonntag, den 26. Dezember, nachmittags, sind wir dann in Torre La Sal '2 gut angekommen. Am nächsten Tag wurde in einer Werkstatt an der Blinkeranlage erfolglos herumgebastelt. Also bleibt nur TOYOTA in Castellon. Ein Schreiben ist schnell auf spanisch verfaßt (der Computer kann das), damit die Leute wissen, was ich will. Aber wie in Castellon TOYOTA finden? Von der Guarda Civil haben wir uns mit ihrem Streifenwagen voran hinführen lassen. In der Superwerkstatt haben sie uns nach einer Stunde die Blinker unseres Autos wieder repariert, aber ein Relais für den Wohnwagen haben sie uns ausgebaut, das ist "differente", dafür haben sie keinen Ersatz, und damit kennen sie sich auch nicht aus. Wir sollen zu einem Caravanhändler fahren. Was haben wir zu bezahlen? De nada! Nichts, na dann danke.

Die Welt ist klein, wie klein ist erst Österreich, und doch trifft man immer wieder Landsleute. Einige Österreicher mit Campingbussen habe ich gefragt: "Wohin des Wegs?". "Nach Marokko". "Und ist das nicht gefährlich?". "Wir wissen uns zu schützen" antworten sie. Gott stehe ihnen bei!

Wir haben hier auch liebe Nachbarn vom Südhafen in Rust getroffen. Sie erzählten uns, daß auch sie schon, bei Tage, in Valencia beraubt wurden. Das Fenster des Campingbusses wurde eingeschlagen und das gut versteckte Geld war weg. An einem Morgen im letzten Jahr, wieder in Spanien, wachten sie, gut geschlafen wie schon lange nicht, auf. Erstaunt stellten sie dann fest, daß die Türe offen ist, und alle Wertsachen weg sind. Sie wurden mit Gas betäubt.

Unsere jetzigen Campingplatznachbarn in Torre La Sal'2, sind sehr nette deutsche Leute. Er, seit 4 Jahren in Pension, erzählt uns, was ihm vor einigen Tagen bei der Herfahrt passiert ist. Die Insassen zweier Autos machen ihn mit Handzeichen darauf aufmerksam, daß bei seinem Wohnwagen etwas nicht in Ordnung ist. Er wird unsicher, hält sein Fahrzeug an, steigt aus und geht um sein Auto und den Wohnwagen herum. Er kann jedoch nichts feststellen und fährt weiter. Nach einigen Kilometern sind die beiden Autos wieder an seiner Seite, und die Fahrer machen entsetzte und verzweifelte Gesten. Da muß doch wirklich etwas passiert sein. Er stellt sein Fahrzeuggespann auf den Pannenstreifen ab und - siehe da - rechts hinten hat das Rad des Wohnwagens einen "Platten". Die freundlichen Spanier stellen ihre Autos auch ab und bieten ihre Hilfe beim Reifenwechsel an. Mit vereinten Kräften ist das auch bald geschehen. Die Deutschen bedanken sich, die Spanier verabschieden sich, und mit ihnen das gesamte, im Auto befindliche Bargeld mit den Scheckkarten, den Visakarten und dem aktiven Mobiltelefon. Wie ist das passiert? Alles klar, Herr Kommissar! So, nun aber genug mit den Horrormeldungen!

Den Silvesterabend - Nochevieja - 2000 haben wir in einem kleinen Rastaurante gefeiert. Es war ein Erlebnis, den temperamentvollen, ausgelassenen, tanzenden und singenden Spaniern zuzusehen und zuzuhören. Die Flamencotänzer habe ich auf Video aufgenommen.
Was tun wir so den ganzen Tag? Wir sitzen nicht nur in der Sonne und faulenzen. Zweimal pro Woche spielen wir Tennis.

Wir haben auch einen Ausflug nach dem zirka 40 km entfernten Morella gemacht. Morella ist auf einen Felsen erbaut, der die Form eines stumpfen Kegels hat. In den 10 m hohen und 25 km langen Stadtwällen öffnen sich sechs Zugangstore. Wenn man durch diese starken Stadtmauern Morella betritt, ist es, als wenn man ins Mittelalter zurückversetzt würde. Das Städtchen hat seine vor Jahrhunderten entstandene Baustruktur und Straßenanlage bewahrt, und schmückt sich mit stolzen Bauwerken. Der Anstieg zu den Ruinen der Burg ist etwas beschwerlich und nur mit gutem Schuhwerk zu empfehlen. Die Frauen bleiben dann schon lieber am Fuße der Festung, sind doch hier viele kleine Geschäfte, und Shopping ist halt nicht so anstrengend und macht auch viel Spaß, wenn man gut handeln kann. Die Gegend ist bekannt für ihre handwerklichen Textilarbeiten. In den Handwerksbetrieben werden Kleidungsstücke aller Art nach altem Schema und traditionellen Verfahren hergestellt.

Wir besuchten auch das 35 km entfernte Peniscola, das durchaus seinen Beinamen "Perle der Costa del Azahar" verdient. Aus der Ferne betrachtet, wirkt Peniscola wie ein wuchtiges, altes Schiff, das im Meer aufgelaufen ist, und seine Umrisse zeichnen sich um so schärfer ab, je näher man ihm kommt. Der aus dem Meer aufragende Felsen ist von Befestigungsanlagen umgeben. Das Castillio von Peniscola wurde von den Rittern des Templerordens an der Stelle einer maurischen Burg erbaut. Von ihr aus hat man einen herrlichen Blick auf das Meer. Die Burg war Drehort für das Filmepos El Cid. Die Templer waren ein göttlicher Ritterorden. Er wurde 1119 durch Hugo von Payns in Jerusalem zum Pilgerschutz gegründet, kämpfte gegen Sarazenen, Mauren und Mongolen. Seine "Tracht" war ein weißer Mantel mit rotem Kreuz. Der Orden wurde 1312 durch Papst Klemens V. wegen angeblicher Entartung (Häresie, Blasphemie, Unzucht) aufgehoben.

Ein Tagesausflug (zirka 100 km) nach Valencia - alte Hauptstadt des ehemaligen Königreichs Valencia, drittgrößte Stadt Spaniens, 764.000 Einwohnen. Bedeutende historische Bauten. Universität, Kathedrale. Handelszentrum, verschiedene Industrien, Hafen. Wir wollten nur mit dem Auto durch die Stadt fahren und fallweise bei interessanten Plätzen stehen bleiben und diese besichtigen. Das haben wir auch so gemacht, jedoch uns dabei nie zu weit von unserem Auto entfernt und dieses auch immer im Auge behalten. Wie wir so in Valencia mit dem Auto herumkurven, sehe ich ein ganz modernes Gebäude in der Ferne. Also, nichts wie hin. Da gibt es auch freie Parkplätze. Ein uniformierter Beamter steht vor dem Eingang des PALACIO DE CONGRESOS - VALENCIA. http://www.palcongres-vlc.com/ . Ich gehe zu dem Wachmann, grüße mit "Buenas tardes" und frage "Quisiera informacion Para turista". Er hat mich verstanden zeigt mir, ihm zu folgen, führt mich in ein Büro. Ich grüße wieder artig die hinter einem Pult stehende junge Frau und stelle mich vor "Mi nombre es Liebig, soy austriaco, vive en Vienna". Sie lächelt mich an und antwortet mir auf spanisch. Ich verstehe jedoch wenig davon. So frage ich sie "Habla usted aleman?". "Sorry" antwortet sie. "Oh hablan inglese usted?" frage ich. In der Folge, so glaube ich, war sie durch mein Auftreten und meinen Ausführungen vermutlich der Meinung, ich sei vielleicht ein Professor für Kulturgeschichte an der Uni Wien. Sie hat mir verschiedene Infos und ausführliche Beschreibungen mit ihren Erklärungen vorgelegt, von denen ich wieder nur das wenigste verstanden habe. Da habe ich dies mit den Worten "Give me all you'v got" abgekürzt. Mit einer Menge Prospekten und Posters habe ich mich dann mit "Muchas gracias - Adios!" verabschiedet.

Zu unserer wöchentlichen Routine gehört: Einkaufen in Castellon - Supermercado "Al Campo" oder "Pryca" und im Straßenmarkt! Jeden Donnerstag gibt es Livemusik und Tanz im Campingrestaurant bei Vino tinto oder Cerveza. Spazierengehen am Strand. Die tägliche ORF-Zeit im Bild und andere deutschsprachige Nachrichten anschauen, um sich damit zu ärgern, und mit den Leuten hier zu diskutieren - auch das ist Urlaub.

Durch unsere überstürzte Abfahrt von Rust haben wir keine Fahrräder mitgenommen. Wir wollten uns neue Räder kaufen, doch aus dem Angebot hier hat uns keines gefallen. Mit einem kleinen Regalo (Geschenk) haben wir uns welche ausgeliehen. Das Rad, das mir gegeben wurde, muß für einen 2 Meter Mann sein. Albi hat nur ein Klapprad bekommen. Es ist schwer zu treten, und alles schmerzt sie schon nach kurzer Fahrt. Ich muß sie immer überreden, damit sie mit mir Rad fährt. Vor einigen Tagen ist eine Frau mit ihrem Rad vor der Einfahrt zum Campingplatz gestürzt, sie hatte fürchterliche Schmerzen. Obwohl man sich sehr bemühte, rasch einen Rettungswagen zu bekommen, hat es eine 3/4 Stunde gedauert, bis ein Wagen, nur mit einem Fahrer, ohne Arzt, da war. Die Menschenmenge war sehr aufgebracht. Bei einer lebensbedrohenden Situation könnte man da ja sterben. Die Frau erlitt einen Halsschenkelbruch. Sie wurde nach 2 Tagen Spitalsaufenthalt mit der Flugrettung nach Hause geflogen. Jetzt hat Albi auch Angst, mit mir Rad zu fahren.

Einkaufen und Essen gehen kann man nur mit dem spanischen Wörterbuch und dem Währungsumrechner, man will ja wissen, was man bestellt, kauft, und wieviel es in Schilling kosten würde. Besonders schwierig wird eine Bestellung in einem spanischen Beisl. Obwohl ich Albi vorher warne, besteht sie darauf hineinzugehen. Ich lasse sie dann ihre Bestellung aufgeben und ich amüsiere mich, wenn ich sehe, was sie bekommt und was sie eigentlich erwartet hatte. Ich bin da vorsichtiger, gehe an die Theke, wo meist Tapas (Vorspeisen) und Postes (Nachspeisen) ausgestellt sind, und suche mir etwas aus. So war ich mit meiner Wahl immer zufrieden. Besser hat man es in einem Hostal (Hotel; feines Restaurant), hier bekommt man eine lista de platos (Speisekarte) und die womöglich in mehreren Sprachen. Mehrere Menüs gibt es da zur Auswahl, die man sich selbst zusammenstellen kann. Es ist aber schon vorgekommen, daß ich die deutsche Seite der Speisekarte schlechter verstanden habe als die englische. Aber man weiß, was man bekommt, die gewählte Vor-, Haupt- und Nachspeise inklusive einer Flasche Wein, Bier oder Mineralwasser und das zu vernünftigen Preisen. Die Küche ist aber erst ab 14 Uhr geöffnet. Früher essen die Spanier nicht zu Mittag.

Die meisten "Camper" sind Rentner aus Deutschland. Sie besitzen mehrheitlich luxuriöse Campingbusse und haben meist Roller mit dabei. Ihr Motto: Zum Arbeiten zu alt, zum Sterben zu jung, aber zum Reisen vollfit! Für manche ist es ihr Heim, im Winter sind sie in Spanien, dann vorwiegend in Ungarn oder zu Hause auf einem Dauercampingplatz.

Der Tag der Rückreise kommt immer näher, man freut sich schon darauf, wieder in der Heimat zu sein. Man hofft, gut zu Hause anzukommen.

Wenn man daran denkt, was man selbst erlebt, gesehen und gehört hat, muß man leider sagen, nie wieder eine Campingreise nach Spanien!?