Die Crew:
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Hravatski-Franz |
Auflauf-Kurti |
Alligator-Kurt |
Die alten Ostseefreunde Alligator-Kurt und Auflauf-Kurt brauchten nach einem Mitsegler nicht lange zu suchen. Hravatski-Franz hatte sich von seinem "Geliebten", nämlich Don Cat getrennt und hatte in Anbetracht des Verkaufs Entzugserscheinungen. Nachdem die Kurtis immer wieder für sie neue Teile der Ostsee besegeln wollen und zwar sukzessive von Westen nach Osten, wählten sie diesmal das Gebiet Bornholm und Südschweden. Von den vielen sehr preiswerten Charterangeboten entschieden wir uns für das Preiswerteste:
Segelyacht:
Feeling 346 (Eignerversion, Baujahr 1992)
Name:
"Regine"
Maßangaben:
Länge: 10,65 m, Breite: 4,47 m Tiefgang: 0,9 m/1.7 m (Hubkiel) Verdrängung: 4 t, Stehhöhe: 1,91 m Segelfläche: 66 m2 (Rollgenua) Motor:
20 kW
Standort:
Marina Neuhof (Yachtcharter Grünke) zwischen Stralsund und Greifswald im Bundesland Mecklenburg Vorpommern. Das Gebiet heißt Greifswalder Bodden und liegt am Strelasund, einem Meereskanal östlich von Stralsund zwischen Festland und der Insel Rügen.
Preis:
2 Wochen, Euro 2.070,--.
Am Freitag, dem 4. Juli, 16:00 Uhr, holte Franz mit seinem scheppernden Vito die Kurtis ab. Gepäck, Getränke und Lebensmittel hatten wir wie immer fast perfekt vorbereitet, natürlich wie immer viel zu viel, Wein etwas zu wenig, aber davon wird später berichtet. Auf dem Weg zur Autobahn fand sich eine Mercedeswerkstätte, in der die Geräuschursache, ein im Radkasten weghängender Schutzkarton mittels Blechschere beseitigt wurde.
Regen und schlechte Sicht begleiteten uns auf der gesamten Strecke, Linz - Wels - Passau - Regensburg - Hof - Berlin - Rostok - Stralsund - Marina Neuhof. Franz fuhr den größten Teil der Strecke ohne Ablöse und nur mit wenig Rasten bis Rostok. Vielleicht wollte er beweisen, dass er noch nicht zum alten Eisen gehört. Das Abendessen verzehrten wir in Aistersheim und ein kräftiges Frühstück auf der Berlinumfahrung.
Am nächsten Tag, Samstag, kamen wir um 9:30 Uhr bei prasselndem Regen in der sehr abgelegenen Marina an. Trotz des schlechten Wetters herrschte schon Betriebsamkeit, vor allem das Marinarestaurant hatte geöffnet, wo wir uns mit Bier und Schnaps die auf der anstrengenden Fahrt verloren gegangenen Lebensgeister wieder holten. Die um 17:00 Uhr angesetzte Bootsübergabe fand schon vor Mittag statt. Papiere ausgefüllt, Kaution von Euro 500,-- mittels Scheck erlegt, Boot und Ausrüstung inspiziert. Zweifel gab es von Herrn Grünke bezüglich des ihm völlig unbekannten Lappens, nämlich dem österreichischen B-Schein von Auflauf-Kurti. Der Ossi (ehemaliger DDR-Bürger) ließ durchblicken, dass ihm die Österreicher gleichermaßen suspekt vorkamen wie die von Greifswald nicht weit entfernten Polen. Aber unser Boot "Regine" war weitgehend in Ordnung und wir hätten eigentlich lossegeln können, wenn nicht das Wetter so mies gewesen wäre. So blieben wir in der Marina, aßen gut zu Mittag im Restaurant, abends an Bord. Gegen Abend wurde das Wetter besser und wir konnten bei einem ausführlichen Rundgang die ganze Marina kennen lernen.
Etliche Backsteinbauten des ehemaligen Militärstützpunkts sind nun Servicegebäude und Hallenstellplätze, die neuen Sanitäranlagen sind im Containerstil. Das sehr gute Restaurant ist ein Neubau, im Obergeschoß befindet sich der Hafenmeister. Ebenso ein Neubau ist der Charterstützpunkt, in welchem sich auch ein Yachtzubehörgeschäft befindet. Die Liegeplätze haben Strom- und Wasseranschluss und sind Schwimmstege. Weiters sind die Tankstelle, ein Kranfahrzeug und ein kleiner Badestrand zu erwähnen.
In der Marina gibt es kein Geschäft, aber frische Semmeln, also Brötchen, konnte man am Vorabend im Restaurant bestellen. Nach 22:00 Uhr gingen wir in unsere Kojen, Franz im Bug, Alligator-Kurt im Heck (BB), steuerbords war die Nasszelle, Auflauf-Kurt im Salon auf dem absenkbaren Tisch. Diese Trennung wurde aus schnarchtechnischen Gründen gewählt. Außerdem erweckten die Heckkoje und die Bugkoje den Eindruck einer Apotheke oder gar einer Intensivstation, da sich eine Unmenge von Arzneien, Fläschchen und Tabletten stapelten, die von den Insassen als so genannte Cocktails regelmäßig eingenommen wurden. Auf diese Weise konnte es zu keinen Verwechslungen von Medikamenten kommen, da ja die Gefahr bestand, dass aus den ohnedies schrecklichen Gestalten Frankensteinungeheuer würden.
Nach dem Frühstück (frische Brötchen) legten wir bei bewölktem Himmel und anständigem Westwind (4 Bft.) um 9:52 Uhr elegant ab. Wir motorten eine Fahrstraße entlang bis mitten in den Strelasund, wo wir sofort Segel setzten und uns vor einer riesigen Meute von Segelyachten davonmachten, die offensichtlich von der um 9:00 Uhr geöffneten Ziegelgrabenbrücke in Stralsund gleichzeitig herandüste. Franz übernahm das Ruder und ließ sich bis zur Ankunft nicht ablösen. Er war ein fast perfekter Autopilot. Mit Schmetterling und 6 kn segelten wir eine grob markierte Fahrstraße aus dem Strelasund hinaus und querten den Greifswalder Bodden. Auf Halbwindkurs mit gerefftem Groß segelten wir an Südperd und Nordperd vorbei über den Prorer Wiek zu den Kalkfelsen Wissower Klinken. Von dort kreuzten wir nach Sassnitz, wo wir um 17:35 Uhr längsseits an der Mole anlegten (Logge: 41,09 sm, Motorstunden: 0,9 h, Hafengebühr: keine, wir nutzten aber auch Strom- und Wasseranschluss nicht). Nach dem obligaten Manöverschluck machten wir uns landfein zu einem Hafenrundgang auf. Ein Restaurant, das auch frischen Räucherfisch verkaufte, zog uns magisch an. Als Auflauf-Kurt den geöffneten mit Fischen bestückten Räucherofen fotografierte, meinte der Wirt, dass wir mehr davon hätten, wenn wir diese Fische unseren Verdauungsapparaten anbieten würden. So blieben wir kleben und wir kamen nicht dazu, das Städtchen Sassnitz zu besichtigen. Der geschäftstüchtige Wirt setzte sich zu uns und empfahl uns mit wirklich gutem ostpreußischen Schmäh das Beste aus seiner Speisekarte. Marinierte Fische, Räucherfischsuppe, geräucherten Butterfisch und Lachs, Bratkartoffel als Beilage, Bier und tiefgekühlten Kümmel. Was wir vom Räucherfisch nicht mehr schafften, wurde uns eingepackt. Zum Abschied leerten wir auf Kosten des Wirtes die angefangene Kümmelflasche. An Bord versetzte uns ein roter "Blauer Burgunder aus Fläsch (Schweiz)" in einen wohligen Tiefschlaf.
Da wir kein Thermometer hatten, waren wir auf den Wetterbericht angewiesen. 17 - 22 °C, teilweise blauer Himmel, westliche Winde, im Laufe des Tages abnehmend. Wir legten um 7:50 Uhr ab, setzten bald Segel, ließen jedoch den Diesel wegen des Kühlschranks (ausgezeichnetes Gerät!) etwas weiterlaufen. Ohne Kurswechsel mit geringfügigen Segelspielereien (Reffen usw.) legten wir um 16:45 Uhr in Rönne Südhafen (riesiger Fähr- und Industriehafen), genau genommen im Söndre Badehavn an. Auch auf dieser Fahrt war Franz der Autopilot und ließ sich nur während den kurzen körperlichen Bedürfnissen ablösen. Das Anlege-manöver war wegen der engen, winkeligen und seichten Einfahrt schwierig. Aufgrund des eingezogenen Kiels machten der Wind und der Radeffekt das Boot sehr schwer zu manövrieren. Sehr hilfreich waren an den Ecken der Hafenmolen waagrechte, drehbar angebrachte Autoräder, die Kratzer am Rumpf verhinderten. Die am Rumpf entstandenen Reifenspuren konnte man mit Geschirrspülmittel beseitigen. (Logge: 50,14 sm, Motorstunden: 2,2 h, Hafengebühr: Euro 17,-- und Euro 3,-- für Duschmarken.) Bei schönem Wetter machten wir einen umfangreichen Spaziergang durch Rönne und hielten Ausschau nach einem "dänischen" Restaurant. Aber wir fanden nur Chinesen, Japaner, Griechen, Italiener usw... Wir beschlossen am nächsten Tag in Bornholm zu bleiben und eventuell eine Busrundfahrt zu buchen. Wieder an Bord verspeisten wir eine Erbsensuppe aus dem Packerl und die Räucherfischreste von Sassnitz, natürlich mit einigen Verdauungshilfen. Dabei stellten wir fest, dass Alligator-Kurt zwar wie beauftragt 6 Flaschen Rotwein mitgebracht hatte, aber nicht wie gedacht Doppler sondern nur Bouteillen, was uns einigen Kummer bereitete.
Jeden Wochentag werden andere Busrundfahrten angeboten. Am "Tirsdage" war es der "Kunsthandvärkbussen". Der Buschauffeur, ein pensionierter UN-Soldat, kümmerte sich besonders um uns Österreicher und erklärte das Wichtigste zunächst dänisch, denn viele Dänen verbringen ihren Urlaub auf Bornholm, und danach für uns auf deutsch-dänisch-englisch.
Die Rundfahrt erstreckte sich auf der südlichen Hälfte der Insel. Bei diversen Kunsthandwerksbetrieben konnte man bei der Arbeit zusehen und die Produkte kaufen. Auf diese Weise konnten wir Land und Leute kennen lernen. Beim Blick aus dem Busfenster sah man eine sehr grüne und fruchtbare Landschaft, Bornholm ist klimatisch begünstigt und der größte Lieferant für landwirtschaftliche Produkte Dänemarks. Mittags kehrten wir in einer Fischräucherei ein, "Svaneke Rögeri", wo wir das Standardgericht der Bornholmer, Räucherhering mit Radieschen, Schnittlauch, Butterbrot und rohem Eidotter orderten. Der Buschauffeur war so nett und zeigte uns wie man in Dänemark den Hering von Kopf, Schwanz und Gräten befreit. Alles mit bloßen Fingern, Papierrollen zum Reinigen der Finger und zum Wegpacken der Fischreste hingen an allen möglichen Stellen des Restaurants der Räucherei.
Nach der Rundfahrt machten wir noch einmal eine Runde durch Rönne und besichtigten die Marina im Nordhafen. Da wir nun schon ganz auf Fischspezialitäten eingestellt waren, kauften wir für das Abendessen im Fiske-Geschäft Hummerpastete, Matjes und verschiedene Majonnaisesalate. Eine Flasche Wein und anschließend "Malefiz" beendeten den Abend. Für diese weitere Nacht im Badehavn zahlten wir wieder Euro 17,-- und Euro 3,-- für Duschmarken.
Um 8:35 Uhr legten wir ab. Mit eingezogenem Kiel reagierte das Boot beim Rückwärtsfahren auf alles nur nicht aufs Ruder. Mit allen Tricks der Neusiedler See-Segler schafften wir das Manöver hinreichend elegant. Bei dunstigem Wetter und wenig Wind motorten wir die Küste Bornholms nach Norden, ab Hammershus segelten wir bei frischem Wind und mit gerefftem Groß sehr flott ostwärts und legten im Hafen Christiansö Süd um 14:55 Uhr im bereits sehr vollen Hafen als 5. im Päckchen an. (Logge: 27,6 sm, Motorstunden: 2,2 h, Hafen-gebühr: 100,-- DKR). Unser hilfreicher Bootsnachbar übergab uns den Stromanschluss, nachdem er das T-Stück nach Anleitung von Franz umgebaut hatte. Da nächtliche Gewitter angesagt waren, befestigte unser Nachbar das ganze Päckchen mit einer Leine an der kippbaren Fußgängerbrücke, die zur kleineren Nebeninsel Frederiksö führte. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen im Norden versetzte uns schon öfter in Erstaunen. Beim Spaziergang entdeckten wir viel Natur, Festungsgebäude, Kirche, Soldatenhütten, die heute als Urlauberquartiere dienen und alte Kanonen.
Für das Abendessen knackten wir 2 Dosen gefüllte Paprika und kochten ein paar Erdäpfel dazu. Der Abend klang mit einer Flasche Wein und mit "Malefiz" geruhsam aus, da die angesagten Gewitter fern blieben.
Wir waren früh dran, denn wir hatten eine lange Strecke vor uns und waren die letzten im Päckchen. Vom Frühstück blieben die in Rönne gekauften Frühstückseier in Erinnerung, die Dotter leuchteten neongelb. Um 7:15 Uhr legten wir bei schönem Wetter und kräftigem NW-Wind ab. Mittags wurde der Wind schwächer und drehte auf NE. Um 16:30 Uhr schlief der Wind ein und wir motorten bis Karlskrona. Auch auf diesem Törn war Franz nicht vom Ruder wegzubringen. Durch seinen Redeschwall abgelenkt hielt er jedoch den Kurs nicht genau und fiel im Durchschnitt um 5° ab. Wir kompensierten dies jedoch elegant mit einer korrigierten Kursansage, genau genommen war es eine Beschickung für Franz. Viele Inseln und Fährschiffe so groß wie 5stöckige Wohnblocks, die uns in der Fahrstraße überholten, machten die Einfahrt schwierig. Ein schwedischer Leidensgenosse, der ebenfalls von den umfangreichen Ausweichmanövern betroffen war, zeigte uns die richtige Einfahrt zur Marina, die in Schweden immer Gästhamn heißt. Um19:15 Uhr legten wir an (Logge: 51,87 sm, Motorstunden: 5,4 h, Hafengebühr zahlten wir am erst nächsten Tag, nämlich 115,-- SKR). Total ausgehungert, Franz isst ja normalerweise schon um 18:00 Uhr das Abendessen, suchten wir sofort das Hafenrestaurant auf. Gefülltes Fischfilet, Lachs mit geflämmtem Erdäpfelpüree, dazu Starkbier, schmeckten hervorragend. Da wir noch keine SKR gewechselt hatten, versuchten wir mit Euro zu bezahlen. Nach einigen Rückfragen beim Chef und merkwürdigen Blicken des Personals war dies möglich, aber wie sich herausstellte mit einigem Aufschlag beim Wechselkurs. Wir hat-ten das Gefühl, dass der Euro hier sehr unbeliebt sein dürfte. Noch war es hell, die Sonne ging erst nach 22:00 Uhr unter, also gingen wir noch ein wenig durch die Altstadt spazieren und deckten uns mit SKR vom Bankomaten ein. Wir beschlossen, am nächsten Tag diese schöne Stadt zu besichtigen und beendeten den Tag mit "Malefiz" und Wein an Bord. Als wir eine Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank holen wollten, war diese leider zerbrochen, was uns bei dem geringen Weinvorrat große Sorgen bereitete. Große Sorgen machten wir uns auch, weil die Seekarten für unsere weiteren Segelziele nicht vorhanden waren.
Bei herrlichem Wetter gingen wir zunächst auf Einkaufstour. In einer großen Buchhandlung erstanden wir die fehlenden Seekarten, in einem großen Supermarkt, dort gibt es noch immer den COOP, frischten wir unsere Vorräte auf. Franz ging noch einmal zurück, um 1 Flasche Merlot zu kaufen. In einem kleinen Fischgeschäft erstanden wir die Zutaten fürs Abendessen, nämlich Matjes, Lachskottelets, Dille und Erd-äpfel und weil wir neugierig waren, geräucherte Hering-Doppelfilets und geräucherte Flunder. Wir verstauten den Einkauf an Bord, Franz freudestrahlend seinen Merlot, anschließend marschierten wir zum berühmten Marinemuseum.
Karlskrona gewann 1688 an Bedeutung als König Karl XI. beschloss, den Hauptstützpunkt der schwedischen Flotte von Stockholm hierher zu verlegen. Der Grund war, dass die südlichere Ostsee unbeeinflusst von Süßwasser im Winter nicht so stark zufror und die vorgelagerten Inseln mit ihren Forts und Festungen die Stadt und die Schiffsproduktion vor Angriffen schützten. Der gesamte südliche Teil der Altstadtinsel Trossö befasste sich mit dem Schiffsbau, 2500 Menschen arbeiteten in der Werft. Mehrere Modelle dieser Anlage sind im Museum ausgestellt. Hervorzuheben ist die Reeperbahn, mit 300 m Schwedens längstes Holzgebäude, das von 1696 - 1960 zur Fertigung von Seilen diente. Weiters das erste Trockendock der Welt, das mechanisch mittels Menschenkraft ausgeschöpft wurde und Fertigungsschuppen, deren Dach beim Mastsetzen abgenommen werden konnte. Man erfand die Taucherglocke um von den bei den Schlachten gesunkenen Schiffen die Kanonen zu bergen und im seichten Gewässer die herausragenden Masten zu kappen. Ein großer Teil der Ausstellung zeigt Galeonsfiguren. Aus neuerer Zeit werden eine ausführliche Dokumentation der Kriegsmarine und das Aufbringen eines in schwedischen Gewässern aufgelaufenen russischen U-Boots gezeigt. Wir besichtigten zwei Museumsschiffe und einen großen Holzschuppen mit historischen Kleinbooten. Anschließend machten wir noch eine Runde zum Stortorget, wo das Rathaus, die Frederikskirche, die Dreifaltigkeitskirche und das Konzerthaus zu sehen sind.
Das Abendessen war schnell zubereitet, dazu tranken wir Bier aus Österreich. Später, zum obligaten "Malefiz" wurde der Merlot geköpft. Das war eine Pleite, er war nämlich alkoholfrei und lausig. Mit grimmigem Gesicht schüttete Franz seinen Merlot in den Ausguss und holte seinen "Fläsch" aus der eisernen Reserve. In der Nacht begann es zu regnen.
Der Morgen war kalt und es blies kräftiger Westwind gegen unseren Plan, Richtung Westen in das Schärengebiet Südschwedens zu segeln. Um 9:15 Uhr legten wir ab und motorten markierte Fahrwasser zwischen den Inseln bis zur Drehbrücke zwischen Hasslö und Almö. Anders als im Öffnungsfahrplan angegeben, öffnete die Brücke sofort und ließ eine Segelyacht aus der Gegenrichtung und uns passieren, während eine Menge Autos warten mussten. Da wir durch das navigatorisch recht komplizierte Schärengebiet gegen den Wind nur mit dem Motor gefahren wären, entschlossen wir uns am offenen Meer Richtung Hanö zu kreuzen. Wind und Wellen wurden immer heftiger. Mit gerefften Segeln wurde der Törn zur Schwerarbeit. Am Festland bauten sich schwarze Gewittertürme bedrohlich auf. Um 19:05 Uhr legten wir als Letzte im Päckchen im bummvollen Fischerhafen an (Logge: 42,66 sm, Motorstunden: 3,5 h, Hafengebühr wurde nicht kassiert). Unmittelbar nach dem Anlegen machten wir von Bord aus ein paar Fotos und dann ging ein Gewitter los, das die ganze Nacht andauerte. Nach dem Abendessen an Bord, Knoblauchcremesuppe aus dem Packerl und geräucherten Hering-filets und geräucherte Flunder, fielen wir müde in unsere Kojen. In der Nacht hatte der im Salon schlafende Auflauf-Kurti fürchterliche Alpträu-me. Riesige saurierhafte Gestalten nahmen unser Boot in Besitz und zerlegten es mit knarrenden und ächzenden Geräuschen. Am Morgen stellte sich heraus, dass die Luke der Bugkoje undicht war und Franz die ganze Nacht versuchte hatte diese abzudichten.
Bei sonnigem und warmem Wetter legten wir um 8:05 Uhr ab. Der Wind blies günstig und wir segelten vorwiegend Butterfly bis mittags der Wind einschlief. Den Rest der Strecke motorten wir. Um 16:15 Uhr legten wir in Simrishamn als 2. im Päckchen an (Logge: 31,37 sm, Motorstunden: 5,9 h, Hafengebühr: keine, da der Hafenkontor nicht besetzt war). Beim Rundgang durch das hübsche Städtchen entdeckten wir in Hafennähe einen gepflegten Sandstrand und einen Supermarkt, wo wir uns mit Mineralwasser eindeckten. Mit schwerem Gepäck kehrten wir zum Boot zurück. Auflauf-Kurti ging noch einmal fort. Er ließ es sich nicht nehmen, im kühlen Ostseewasser (geschätzt 18 °C) baden zu gehen. Allerdings hatte er nicht viel Zeit, da Franz wegen des Abendessens Stress verbreitete. Wie es sich für ältere Leute gehört, hätte er am liebsten das Abendessen schon um 18:00 Uhr serviert. Es gab Paradeissuppe aus dem Packerl, Linsen und Würstchen aus der Konserve. Anschließend spielten wir ein endloses "Malefiz" in Begleitung vom letzten Wein und Bier.
Bei herrlichem Sonnenschein und Windstille legten wir 8:40 Uhr ab. Die für die Ostsee ungewöhnliche Windstille hielt den ganzen Tag an. Mittags hielten wir auf dem spiegelnden Wasser für einen Badestopp von Auflauf-Kurti an. Franz und Alligator-Kurt hielten sich wegen Knie- und Kreuzproblemen zurück. Um 15:40 Uhr legten wir in Ystad längsseits im Gasthamn an (Logge: 27,19 sm, Motorstunden: 7 h, Gebühr: 120,-- SKR). Auf den Spuren von Kurt Wallander spazierten wir durch die Altstadt. Mit einem Traktorzügerl kamen wir auch am Bahnhof und am Fährhafen vorbei, wo riesige Schiffe wie Wohnblocks aus dem Meer ragten. In einem Yachtzubehörladen kauften wir eine weitere fehlende Seekarte für den Bereich von Südschweden nach Rügen, Stralsund usw... Nachdem wir in der Altstadt nur ausländische Restaurants sichteten, gingen wir in Marinanähe in ein "Schwedisches" zum Abendessen. Natürlich Fisch: Fischspieß mit Garnelen, Reis und Knoblauchsauce, Miesmuscheln, Kalamari, Miniflundern mit Erdäpfel, dazu Starköl (Starkbier, aber immer noch weniger Alkoholgehalt als unser Bier), danach Kaffee. Es war sehr warm, wir blieben im Freien bis nach Sonnenuntergang (22:00 Uhr) sitzen, diskutierten und beobachteten das Hafengeschehen.
Wieder Sonnenschein und Windstille. Bevor wir ablegten, gingen wir noch einmal ins Zentrum Ystads um am Marktplatz Lachskottelets und Dille für das Abendessen zu kaufen. Um 9:00 Uhr legten wir ab. Nach einigen mühseligen Segelversuchen legten wir um 13:25 Uhr in Smygehuk an, wo uns ein fürchterlicher Gestank erwartete (Logge: 15,74 sm, Motorstunden: 3,3 h, Gebühr: 90,-- SKR). Im ganzen Hafenbecken stiegen ununterbrochen Gasblasen eruptionsartig auf, kurz darauf braune und schwarze Masse, die lange herumschwamm, um später wieder zu zerbröseln und abzusinken. Wir tauften diese Vorgänge "Erdschase". In Wirklichkeit sind dies Faulgase, Produkte einer am Meeresgrund befindlichen Algenart. Trotz des Gestankes waren viele Landratten unterwegs. Offensichtlich ist der südlichste Punkt Schwedens eine Touristenattraktion. Neben dem Hafen befand sich eine Fischräucherei, die uns sogleich anlockte. Wir schlemmten geräucherten Hering, Lachs und Aal und eine Majonnaisesauce an Bord und tranken österreichisches Bier, da es im Laden nur Lättöl (Leichtbier, nahezu alkoholfrei) gab. Bei einem km-langen Spaziergang zu einem historischen Leuchtturm und zum Kaufmannsspeicher, der einst auch der Schmugglerei diente, bauten wir die Kalorien wieder ab. In einem der vielen Souveniergeschäfte kauften wir Mitbringsel. Das Abendessen, Lachskotteletes in Butter mit Knoblauch gebraten und Dillerdäpfel, verlief weinlos. Da wir am Trockenen saßen, tranken wir unser österreichisches Bier und spielten wie immer "Malefiz".
Endlich wieder Ostseewetter, mittlere Bewölkung und Ostwind mit Stärken von 5 - 6 Bft. Um 7:38 Uhr legten wir ab und flogen nach Hiddensee. Im Yachthafen Lange Ort (16:00 Uhr) war wegen des starken Windes niemand ausgefahren, daher war kein Plätzchen frei. Auch im Fischereihafen Vitte ging es drunter und drüber. Aber ein resoluter Hafenmeister war Herr der Situation und wies uns einen Platz an der Fährmole als 2. im Päckchen zu und kassierte sofort Euro 16,--. Anders als in den schwedischen und dänischen Häfen waren wir hier sofort die Attraktion Nummer eins. Niemand konnte glauben, dass es Österreicher in diese wilden Gewässer verschlägt, außerdem habe man keine Ahnung, wo Österreicher das Segeln überhaupt erlernten. Weitere drei Boote gesellten sich zu unserem Päckchen. Am Abend war die ganze Hafenfläche mit Segelyachten belegt (Logge: 48,35 sm, Motorstunden: 1,2 h). Bei unserem Spaziergang zur Westseite der Insel kauften wir im Supermarkt zwei Flaschen Rotwein, Franz als Experte entschied sich für einen Franzosen und Alligator-Kurt für einen Burgenländer. Auflauf-Kurti ging am Weststrand, einem weißen Sandstrand mit nostalgischen Strandkörben baden.
Die meisten Menschen badeten hier nackt und das Wasser war sehr, sehr kalt, die Wassertemperatur betrug maximal 3 cm. Das Hafenrestaurant lockte uns mit Fischangeboten zum Abendessen. Gebratener Rogen, Dorschleber, Flunder, Zander und Heilbutt gebraten mit Bratkartoffeln und dazu deutsches Bier und vernünftige Preise, Mensch was willst du mehr. An Bord wurde der Franzose geköpft und er landete im Ausguss. Nachdem die Weingläser von dieser Grausamkeit gereinigt waren, versuchten wir den Burgenländer. Der "Blaufränkische" Genossenschaftswein war für unsere entwöhnten Gaumen gar nicht so schlecht. Zufrieden legten wir uns in die Kojen.
Um 8:45 Uhr waren wir ablegebereit. Obwohl um 11:00 Uhr die Mole für die Ausflugsboote frei sein sollte, machte niemand Anstalten abzulegen, denn der Wind blies unvermindert wie am Vortag. Franz war schwerst nervös und regte sich über die faulen Piefkes auf, aber der Hafenmeister war cool und fing erst gegen 10:00 Uhr an, die Boote zu verscheuchen. Um 9:50 Uhr legten wir ab, segelten und motorten die Fahrstraße nach Stralsund. Nach einer Hafenrunde legten wir uns um 13:55 Uhr an die Nordmole auf Warteposition, da die Ziegelgrabenbrücke erst um 17:20 Uhr öffnete. Mittlerweile wurde es windstill und sehr heiß. Wir aßen den restlichen Räucherfisch und tranken österreichisches Bier, tratschten mit anderen Wartenden und schauten den Fischern zu. Um 17:30 Uhr tuckerten wir wie viele andere Yachten unter der gehobenen Brücke durch. Um 18:40 Uhr legten wir bei der Tankstelle unserer Marina Neuhof an, der Törn war zu Ende (Logge: 22,95 sm, Motorstunden: 6,2 h, Tank vollgefüllt: 58,17 Liter, Euro 54,68).
Nach dem Frühstück räumten wir den Großteil unseres Gepäcks in den Vito und fuhren nach Stralsund. Wir fanden nach einigen Runden einen Parkplatz und besichtigten die Altstadt zu Fuß. Das Zentrum und die Sehenswürdigkeiten sind hervorragend renoviert, aber hinter den Kulissen ist der ehemalige Ostblock noch deutlich zu sehen. Nach einer Stärkung und einem "Störtebeckers Bier der Gerechten" fuhren wir zur Marina, um eventuell eine vorgezogene Bootsübergabe zu machen, da wir am nächsten Tag früh morgens abfahren wollten. Herr Grünke, der Chef der Charterfirma, machte uns einen Strich durch die Rechnung, da er erst übernehmen wollte, wenn sich absolut nichts mehr von uns an Bord befand und der Taucher das Unterschiff begutachtet hatte. Er gestand uns seine Angst, dass wir irgendetwas und sei es als Sou-venier mitgehen lassen könnten, er hätte mit Polen schon schlechte Erfahrungen gemacht. Wieder erweckte dies in uns das Gefühl, dass wir mit diesen Polen in einen Topf geworfen wurden. So einigten wir uns für die Übergabe am nächsten Morgen um 7:30 Uhr. Während der Taucher die zu übergebenden Boote checkte, fuhren wir nach Greifswald zum großen Fischerfest. In einem Park besichtigten wir die Ruinen des Zisterzienserklosters Eldena. Entlang des Einfahrtskanals zur Stadt waren Yachten und Windjammers, darunter die legendäre "Greif", geparkt, an den beiden Ufern befanden sich Vergnügungsgeräte wie auch ein Riesenrad, Lifemusik und jede Menge Fress- und Souvenierstandeln. Menschenmassen schoben uns durch das Geschehen. Bei einem Stand für österreichische Spezialitäten aßen wir Stelze (eher ein Eisbeinverschnitt) mit Kraut und Knödel und tranken Stiegl-Bier. Wir konnten die Einfahrt von unzähligen Oldtimerbooten sowie die Durchfahrt durch eine hölzerne Hebebrücke beobachten. Spät abends kehrten wir zur Marina zurück und verbrachten die letzte Nacht auf der "Regine".
Die Übergabe war eine Sache von wenigen Minuten, das Boot war OK. Um 8:00 Uhr fuhren wir los, diesmal mit mehreren Ablösen. An der ersten Raststation in Österreich nahmen wir ein vorgezogenes Abendessen ein, um ca. 21:00 Uhr übergab Franz die Kurtis an ihre Frauen.
Resümee
Die nach der Logge zurückgelegte Strecke betrug 358,96 sm, insgesamt waren wir 75 Stunden und 52 Minuten auf dem Wasser unterwegs, davon 38 Stunden und 4 Minuten unter Segel. An zwei Tagen herrschte untypisch für die Ostsee nahezu Flaute. Die Temperatur betrug tagsüber 22 - 24 °C, unterwegs wurden wir nie nass. Die Chartergebühr war günstig, die Hafengebühren ebenfalls. Durch häufiges an Bord Essen umgingen wir die hohen Restaurantpreise in Dänemark und Schweden. Bootsnachbarn und Hafenpersonal sind im Norden äußerst freundlich und hilfsbereit, Anlegemanöver funktionieren ohne Stress und laute Worte, Fehler werden kommentarlos korrigiert und nicht durch Besserwisser verurteilt. Das Päckchen-Liegen ist äußerst rationell und auch dabei ist Teamarbeit mit den Bootsnachbarn die Regel.
Auch wenn wir als Österreicher in der Ostsee seltene Vögel sind, kommen wir gerne wieder, vielleicht schon 2004, vielleicht mit einer größeren Crew, wenn manch Leser auf den Geschmack gekommen ist.
Auflauf-Kurti
(Kurt Svoboda, svoboda@t-email.at)