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Auf den Spuren der Götter -
Himmlisches Segeln in der Ägäis

von Kurt Langer (Text) und Gaby Zugay (Fotos)

Törnplan

Manchmal kann Vergesslichkeit weit reichende Folgen haben. So verdankt das Ägäische Meer seinen Namen einem fatalen Irrtum: Der junge Held Theseus war, aus Kreta nach erfolgreichem Kampf gegen das in dunklem Labyrinth wütend hausende Ungeheuer Minotaurus (das er nur durch Mithilfe der liebreizenden Ariadne - die er dann auf Naxos dem weinseligen Dionysos überließ ... - und ihres berühmten Fadens, besiegt hatte), nach Athen heimgesegelt. Bei glücklichem Ausgang der todesmutigen Unternehmung, so war mit König Aigeus, dem Vater des Helden, ausgemacht worden, sollte das Schiff die schwarzen Segel, von denen es südwärts getragen worden war, gegen solche aus weißem Tuch tauschen. Theseus aber vergaß darauf. Sein Vater, am Rande des Akropolisfelsens stehend und der dunklen Segel gewahr werdend, glaubte seinen Sohn verloren und stürzte sich aus Kummer in die Tiefe. Seither trägt das tintenblaue Meer den Namen des unglücklichen Aigeus. Theseus aber wurde König von Athen ...

In ATHEN sind heute noch am "Turm der Winde" die meteorologischen Kenntnisse der Altvorderen zu bewundern. In der griechischen Metropole, genauer gesagt, in der großen, aber lautstark diskobeschallten und unattraktiven Marina Kalamaki, ist auch der Startpunkt unseres Törns in die Kykladen am 29. Mai 2005. Da ein Crewmitglied absagen musste, laufen wir nur zu dritt (Gaby als Skipperin, Walter und ich) mit unserer Beneteau First 40.7 "IOUSA" (eine griechische Märchenfee) aus - im Ölzeug, da es regnet und recht kalt ist. Kaum haben wir aber Kap Sounion, die Ostspitze Attikas, querab, hat Helios, der Sonnengott, ein Einsehen mit uns bleichen, kältegeplagten Mitteleuropäern und wird von nun an jeden Tag seinen flammenden Wagen über das stahlblaue Firmament führen.

Die Insel KEA, unser erstes Ziel, war in der Antike als "Tetrapolis" (Vier-Städte-Staat) sehr machtvoll. Wir ankern in der Bucht Ormos Voukari und besuchen den hochgelegenen Hauptort Ioulis (Chora). Dort belauert, in einem Olivenhain kauernd, ein aus dem Felsen gehauener monumentaler Löwe seit der Bronzezeit neugierige Touristen.

Der noch schwachbrüstige Nordwind Meltemi bläst uns am nächsten Tag ins Herz der Kykladen nach SYROS. Wir meiden den hektischen Hafen Ermoupolis und verbringen eine ruhige, sternenhelle Ankernacht bei der Leuchtturminsel Gaidaros.

Am nächsten Morgen liegt graublauer Dunst wie archaisch-mystischer Nebelrauch über der windstillen See. Wir motoren nach TINOS, das sich langsam aus der fernen Unschärfe herausschält. Im Stadthafen finden wir die langgesuchte Holzkohle für den Bordgriller - im Gemüseladen. In der blendendweißen Wallfahrtskirche Panagia Evangelistra, dem "Lourdes von Griechenland", bewundern wir die unzähligen metallenen Votivtäfelchen (mit Gliedmaßen, Ohren, Augen, usw.), die wundertätige Marienikone Panagia Megalochori und spenden ein schlankes Honigwachs-Kerzerl für unsere gute Weiterreise.

Diese führt uns noch am selben Tag in die "Marina" von MYKONOS, wo wir aus Platzmangel an einer Luxusmotoryacht längsseits im Päckchen festmachen. Mykonos wirkt in der Vorsaison noch immer charmant, mit seinen weißen Häuserkuben, den runden Windmühlen, den knallbunten Balkonen und den Postkarten-Pelikanen am Stadtstrand.

Anderntags herrscht wieder bleierne Flaute, und erst als wir im Hafen von Naoussa auf PAROS anlegen, wo die Tavernenwirte bedauernswerte Tintenfische zum Trocknen vor ihren Lokalen auf Wäscheleinen aufgehängt haben, kräuselt ein zarter Windhauch das Meer. Nach einem technischen Boxenstopp (Austausch der defekten Trinkwasserpumpe durch den Servicedienst der Charterfirma) ankern wir in der Bucht Agiou Ioannou und genießen ein belebendes Bad im 20° kühlen Meer.

Als wir am nächsten Morgen, mit vollem Speed, bei 5-6 Bft. Meltemi die Nordspitze von Paros Richtung Naxos passieren, kommt plötzlich die Genua von oben! Bei starkem Wellengang kämpfen wir am Vorschiff, bis das wilde Tuch gebändigt, unter dem Beiboot festgezurrt und als Ersatz die Sturmfock gesetzt ist. Später stellt sich heraus, dass der Schnappschäkel am Genuafall ohne ersichtlichen Grund aufgegangen war. Walter, unser Techniker, wird per Bootsmannsstuhl in schwindelnde Höhe gekurbelt und holt das Fall vom 15 Meter hohen Masttopp herunter, so dass wir es wieder am Genuakopf befestigen können; sicherheitshalber noch mit Isolierband umwickelt.

Nach Übernachtungen auf SKINOUSSA (Insel der "kleinen Kykladen", südlich von Naxos) und in einer abgeschiedenen, wildromantischen Ankerbucht auf IOS, gehen wir schon zur Stunde der Eos, der rosenfingrigen, safrangewandeten Göttin der Morgenröte, ankerauf, um den landschaftlichen Höhepunkt des Törns, die Vulkaninsel SANTORIN, anzusteuern. Bei N-Wind bis 7 Bft. rauschen wir mit dem 3. Reff im Groß in die Kratereinfahrt der halbmondförmigen Insel.

Santorin (Thira) in seiner heutigen Form ist Resultat eines gewaltigen Vulkanausbruchs ca. 1440 - 1445 v. Chr. Die Flutwelle, ein gigantischer Tsunami, besiegelte das Ende der minoischen Kultur auf Kreta und nährt bis heute Spekulationen über den Untergang des sagenhaften Atlantis ...

Im Krater wird der Wind schwächer, aber wir können unter Vollzeug zwischen der aktiven Vulkaninsel Nea Kameni, auf der Hephaistos noch seinen Hammer schwingen mag, und den bis zu 400 m aufragenden Steilwänden, an denen hoch oben die Orte Thira und Oia wie schneeweiße Schwalbennester kleben, durchsegeln. Dabei bildet die Filmmusik aus "1492" von Vangelis die kongeniale akustische Untermalung zur optischen Kulisse.

Nach Kampf mit der (durch Bruch der Leitöse) unter der Refftrommel fest verklemmten Genuareffleine planen wir voll Freude die nächste Reparatur und erheben den Werbetext: Es gibt immer was zu tun, Yippie, Yippie, Yeah" zum Törnmotto. In der "Marina" Santorin ergattern wir den ersten und letzten freien Liegeplatz des Tages, nachdem wir uns durch die völlig versandete Einfahrt "gegraben" haben - ein Gefühl, wie wir es sonst nur vom Neusiedler See kennen.

Am Abend trifft unser viertes Crewmitglied, Rainer, per Flugzeug ein. Wir feiern Willkommen in einem Fischrestaurant hoch am Kraterrand im malerischen Oia. Nach einer Ankernacht auf der stillen Insel PHOLEGANDROS geht es nach MILOS, bekannt für den Fund der berühmten "Venus". Wir navigieren vorsichtig zwischen Milos und Kimolos durch, bestaunen die Felsformationen der "Möweninsel", bevor wir in Adamas am Stadthafen an nagelneuen Muringleinen festmachen. Auch Wasser und Diesel können wir endlich bunkern, der Strom ist leider noch nicht eingeschaltet (demnächst in dieser Saison?).

Als echte "Österreichische Gebirgsmarine" erklimmen wir das venezianische Kastro und können uns an der Aussicht über die "kreisförmig" um die "Heilige Insel" Delos angeordneten Kykladen (Kyklos = Kreis) gar nicht sattsehen.

Ein eher unerwarteter S-SW Wind mit mächtigen Wellenbergen führt uns nach SERIPHOS. Hier liegen wir wegen starkem Schwell eher unruhig und beim Grillen gilt es, ein "Kotelett über Bord!" - Manöver in letzter Sekunde zu verhindern. Auch liegt eine "Privatwolke" über der Insel, die wegen des Erzgehaltes eine Kompassmissweisung bis zu 10° verursachen soll, und einen düster- unheimlichen Eindruck hinterlässt, was ihr den Namen "The Dark Island" einträgt.

Auf KITHNOS, ca. 20 sm nördlich, ist es in Ormos Kolona, einer wunderbar feinsandigen Badebucht, schon viel freundlicher.

Äolus, der Windgott, öffnet am nächsten Tag noch einmal weit seinen Sack für uns. Der Kreuzkurs gegen Norden zum KAP SOUNION, das wir erst am späten Nachmittag erreichen, erfordert Geduld und Ausdauer. Auch die hier, in der Nähe zu Piräus stark zunehmende Großschifffahrt lässt uns wachsam sein (im Saronischen Golf werden wir gar von einem U-Boot "verfolgt"!).

Zur Belohnung bietet der vielbesungene Sonnenuntergang vom Poseidon-Tempel am Kap Sounion volle Entschädigung. Hier ist die richtige Stelle, dem Meeresgott für einen traumhaften Törn zu danken.

Am Freitag, dem 10. Juni 2005, feiern wir in der Altstadt Plaka, zu Füßen der Akropolis von ATHEN, Abschied vom Revier der Götter und Mythen. Der Kreis durch die Kykladen schließt sich hier nach 378 Seemeilen voll Schönheit und Freiheit.

Daheim aber glauben wir, von weiter Ferne noch, wie einst der listenreiche Odysseus, den lockenden Gesang der Sirenen zu hören. Und wir wissen: Eines Tages, wenn man uns vom Mast der Verpflichtungen losbinden wird, und unsere Ohren nicht mehr mit dem Wachs des Alltags verklebt sein werden, dann, ja dann werden wir dem Ruf der Ägäis nicht widerstehen können - und zurückkehren ins Meer des weißglänzenden Lichtes!

TÖRNDATEN

Zeitraum: 29. Mai bis 11. Juni 2005.
Schiff: Beneteau First 40.7, teilweise durchgelattetes Groß mit 3 konventionellen Reffs, Rollgenua, Sturmfock, GPS, Kartenplotter, usw.
Charterfirma: Attersee Müller Yachtcharter - Vernicos Yachts.
Ausgangs- und Zielhafen: Marina Kalamaki, Athen.
Seemeilen: 378,2 (davon 191,3 Segel, 186,9 Motor).
Crew: Gaby Zugay, Walter Rückershäuser, Rainer Handl, Kurt Langer.

Die Bezeichnung "Marina" ist an einigen Orten (Mykonos, Santorin) nicht wirklich gerechtfertigt - es gibt kaum Infrastruktur, vieles hat noch Baustellen-Flair. In einigen Stadthäfen gibt es nun neue Muringleinen (Tinos, Ios, Milos). Sonst wird in Griechenland meist mit Buganker "römisch-katholisch" angelegt. Wasser gibt es nur mancherorts vom Tankwagen, ebenso Diesel. Stromanschlüsse sind rar, Eisblöcke können zumindest zu einer gewissen Kühlung im Bordeiskasten helfen. Vielerorts ist ein guter Anker der wichtigste Garant für eine beruhigte Nachtruhe. Dafür haben wir nirgends Hafengebühren bezahlt. Wetterbericht vom Hafenamt zu bekommen, ist mühsam, da meist geschlossen. Einkaufsmöglichkeiten (Grundnahrungsmittel, Getränke) sind auch auf kleineren Inseln gut.

Literatur (Auswahl):
Rod Heikell: Griechische Küsten, Edition Maritim.
Gerd Radspiller: Griechenland 2, Delius Klasing Verlag.
E. Karpidini-Dimitriadi: Die Griechischen Inseln, Ekdotike Athenon.
Die Blauen Führer: Griechenland, Molden Verlag.
Michael Köhlmeier: Sagen des klassischen Altertums & Neue Sagen des klassischen Altertums, Piper.
Weitere Literatur beim Verfasser.