Ein Einhandtörn mit der Shark 24
von Helmuth E. Berghofer
Meine Frau und Tochter buchten einen Segeltörn nach Sardinien/Costa Smeralda. Ich hütete Haus und Hund, sammelte nautische Unterlagen und zusätzliche Ausrüstung für einen erstmaligen Einhandtörn in die Adria mit meiner Shark AUT 99 "Tabaluga" in Kielschwertversion. Ein zweites und drittes Reff wurde in das alte Großsegel eingebracht, die alte 180er Genua nachgenäht. Mein Anker, ein CQR mit 9 kg, wurde mit einer 10 m Vorlaufkette, einem Ankerwirbel und 50 m Ankerleine versehen. Dieser Anker war aus Platzgründen in der Backkiste in einer mittig festgezurrten PE-Mörtelwanne verstaut. Im Ankerkasten war mein kleinerer Standardanker mit 6 m Vorlaufkette und 30 m Ankerleine. Die Seereling wurde montiert und für den 5 PS Honda eine Reserveschraube und ein zweiter Impeller besorgt. Mineralwasser, Dosenbier, diverse Getränke und Essensvorräte wurden unter Berücksichtigung der notwendigen Gewichtstrimmung bereits am Trailer im Boot verstaut.
Am Montag, dem 16. 09. 2002, übergab ich Haus und Hund meiner zurückgekehrten, braungebrannten Gattin und fuhr mit dem Gespann um 11:00 Uhr ab. Nach nur einem Tankstopp erreichte ich 635 km später um 19:30 Uhr das Ortsgebiet Vodice. Ortsunkundig befragte ich Fussgänger nach der ACI Marina und wurde von ihnen mit präzisen Angaben durch die auf Grund eines Festes vollkommen überlaufene, verparkte und verwinkelte Altstadt, jedoch nicht zur Marina, gelotst. Bei einem zweiten Versuch mit anderen Einheimischen war ich mit demselben Resultat erfolgreich. Bei dieser zweiten Altstadtrunde kannte ich bereits mehrere Leute. Noch heute bin ich verwundert und erleichtert über die gelungene Millimeterarbeit. In der ACI Marina eingelangt, übernachtete ich in der Shark auf dem Trailer. Dies war dann meine dritte Übernachtung in der Shark seit dem Kauf vor zwei Jahren. Die üble Überraschung war, dass 2 Bierdosen ausgelaufen waren, deren Inhalt sich gleichmäßig in der Bilge verteilt hatte und das Boot wie nach kräftigem Pferdeurin stank. Dieses Odeur blieb mir bis zum Ende des Törns erhalten.
Am nächsten Tag erledigte ich frühmorgens die notwendigen Formalitäten, d. h. Bezahlung des Permits beim Hafenkapitän und der Krangebühren im Marinabüro samt Organisation des Parkens von Auto und Hänger. Nach zermürbendem, demütigen Warten auf das Kranen berührte das Boot um 13 Uhr erstmals Salzwasser und um 15 Uhr war es aufgeriggt, alle Leinen eingeschoren, Ausrüstung komplett an Bord, Kfz und Trailer am Parkplatz und ich legte ab.
Jugo mit ca. 4 Bft ermöglichte einen idealen Schlag auf raumem Kurs. Das Boot lief fantastisch. Die lange, ausgerollte Welle der Adria beeinflusste die Fahrt der Shark kaum, im Gegensatz zur steilen, kurzen Welle am Neusiedler See, die am Spiegel saugt. Meine Logge zeigte ca. 5,5 kn und nach 15 sm legte ich um 19 Uhr in der Bucht Opat vor dem Gasthaus "Matteo", Bug voran mit Muringleine, an. Dabei bewährte sich bestens meine aus einer Aluminium-Trailer-Leiter gebastelte Pasarella.
Längsseits von mir lag bereits die "Julia Talata", eine in Guernsey registrierte Najad, ca. 33 ft, deren Skipper, Werner Pilles, (Österr. Hochsee Yacht Club) ich samt seiner Crew beim Abendessen kennen lernte.
Um Mitternacht verholte ich das Boot nach Luv, da einsetzender Schwell meine "Tabaluga" gegen eine Charter-Bavaria 44, die sich nachträglich zwischen "Julia Talata" und meinem Boot eingeschoben hatte, zu drücken drohte. Das Verholen gegen starken Schwell in dunkler Nacht zeigte mir die kleinen Freuden des Einhandsegelns.
Am nächsten Morgen musste ich aufs Festland in die Marina Murter Hramina, um einen abhanden gekommenen Stift, welcher den Trimmwinkel vom Honda-Außenborder fixiert, provisorisch anfertigen zu lassen. Verblüfft passierte ich den “Don Cat” von Franz Pabisch auf seinem Liegeplatz.
Um 12:30 Uhr lief ich wieder Richtung Kornaten aus. Mit 2 - 3 Bft. aus Süden segelte ich gemütlich wieder an der Opat-Bucht vorbei, dann in nordwestliche Richtung, bis ich zwischen den Inseln Piskera und Veli Rasip auf die offene Adria kam. Mit achterlichem Wind mit ca. 4 Bft. segelte ich entlang einiger Inseln mit beeindruckender Steilküste und steuerte nach der Insel Mana wieder Kornat an. In der Bucht Striznja nahm ich die Wirtshäuser "Qattro" und "Darko" in Augenschein und entschied mich weiter nach Vrulje zu "Ante" zu segeln. Dort legte ich längsseits einer kleinen Mole an und nach dem Festmachen nahm ich zur Kenntnis, dass sich dieser Liegeplatz fast direkt im Gastgarten befand. Eine bayrische und eine Tiroler Charter-Crew bewirteten mich sofort mit Schnäpsen und Wein und berichteten begeistert von ihren eigenen Shark-Segel-Erlebnissen. Beim hervorragenden Abendessen an einem kleinen Nebentisch lernte ich Jure kennen, einen aus Kroatien stammenden Hamburger, der auch einhand mit seinem großen Schäferhund auf einer Compromiss 32 unterwegs war. Am nächsten Morgen verabredete Jure mit mir ein Treffen zum Abendessen in der Pristanisce-Bucht auf der Insel Zut und wir liefen gemeinsam aus. Er motorte und ich setzte Segel und fuhr gemütlich "butterfly" mit ca. 5 - 5,5 kn.
Da es ein so gleichmäßiger achterlicher Wind war, liebäugelte ich sogar mit dem Spi-Setzen. Mit Autopilot laufend machte ich gemütlich Kaffee und belegte Brote und bog dann bei der Bucht Suhi Rat 90° nach Steuerbord, um die Engstelle Vela Proversa zu durchlaufen. Diese Engstelle ist ca. 300 m lang, ca. 100 m breit, und das Fahrwasser hat eine Breite von ca. 10 m bei max. Tiefe von 2,5 m. Für meine Kielschwert-Shark vom Neusiedler See also kein Problem. Plötzlich jedoch drehte der Wind auf die Nase, frischte auf und speziell der entgegenkommende Verkehr der Charter-Yachten verdichtete sich. Leider konnte ich just zu diesem Zeitpunkt die 180er Genua nicht wegrollen, da sich die vor Antritt des Törns neu gekaufte Fockroll-Leine verklemmt hatte. Der stark auffrischende Wind, der Verkehr der einlaufenden Yachten und die örtlichen Gegebenheiten erlaubten nur eine Durchfahrt mit killenden Segeln und unter Motor. Nach dieser Passage hatte der Wind wieder SE gedreht, sich jedoch zu einem handfesten Scirocco entwickelt. Die Schaumkronen der Wellen begannen zu fliegen. (Am Abend in der Marina berichtete der MET-Report über Böen von 30 - 40 kn). Viele Yachten wollten unter Motor in die Windabdeckung, aus welcher ich gerade kam. Es gab nicht allzu viel Manöverraum, da ich vor meinem Bug auch noch ein Kardinales Zeichen für Untiefe ausmachte. Ich ließ notgedrungen die Shark raumschots mit voller Wäsche laufen (Logge 8,0 kn) und suchte eine mögliche Windabdeckung, um die Segel zu bergen bzw. stark zu reffen. Denkste - kaum kam ich in die Leeseite einer Insel, lernte ich pikante, zusätzliche umlaufende Fallböen kennen. Die einfachste und sicherste Lösung wäre gewesen, dorthin zu flüchten, woher ich gerade kam. Die schmale Durchfahrt bei einem Verkehr wie auf der Wiener Südost-Tangente verhinderte diesen Plan. Die Crews der Yachten, welche ich permanent auf parallelem Kurs in einem Abstand von nur 10 - 20 m passierte, machten sehr verwunderte, große Augen. Überholte ich doch die unter Motor Flüchtenden mit ca. doppelter Geschwindigkeit, einhand mit Leichtwindbesegelung, bzw. ich kam ihnen mit voller Wäsche entgegen. Vielleicht haben die Crews im Gegenzug meine vor Schreck geweiteten Augen erkannt. Etwas musste geschehen. Boot in den Wind stellen, Außenborder wieder runterklappen, anwerfen und vorwärts, Autopilot einhängen und einschalten. Fockfall klarieren, Hebelklemme auf, aufs Vorschiff und ziehen. Der Bug tauchte so stark in die Wellenberge, dass ich jedes Mal fast bis zur Hüfte im Wasser stand. Die Fock war fast nicht zu bändigen. Beim Öffnen des unteren Schnappschäkels verlor ich beinahe meine Brille. Auf Grund der Winddreher in den starken Böen lief das Boot aus dem Ruder, der neue Autohelm lief auf Anschlag und vernichtete die Polyamid-Zahnräder des Getriebes. Das Schiebeluk auf, die patschnasse Genua ins Cockpit gestopft und schnell ans Ruder. Autopilot auf Standby und ausgehängt, denn durch das Abfallen hatte das Boot unter Großsegel und Außenborder wieder flott Fahrt aufgenommen und musste wieder in den Wind gestellt werden. Die Steuerpinne bändselte ich mit einer Leine mittschiffs. Wasser flog vom eintauchenden Bug durchs offene Schiebeluk. Dirk auf, Großfall klarieren, Hebelklemme auf, vor zum Mast und ziehen, ziehen. Großbaum schräg ins Schiebeluk fallen lassen und Großsegel hineinstopfen.
Alles unter Kontrolle. - Ich rekapituliere die Situation. - Vielleicht hätte ich auch das Großsegel zuerst bergen sollen. Beim nächsten Mal muss ich meine Rettungsweste und Lifebelt verwenden und auch Gurte spannen. Am Abend werde ich die alte, mitgeführte Fockrollleine zurücktauschen.
Also, unter Motor zum Treffpunkt. Fahrt durchs Wasser ca. 4,7 kn. Da ich die Inselküste entlang fuhr, konnte man leicht erkennen, dass durch eine starke Gegenströmung wenig Fahrt über Grund erzielt wurde. Die Shark verhielt sich wacker, das Spritzwasser war nicht kalt und wer wasserscheu ist, dem sei das Bergwandern empfohlen. Ich war mit mir und dem Boot zufrieden. Nach ca. 3 Stunden fuhr ich in die Luka Hiljaca ein, konnte in der ganzen Bucht aber keine Compromiss 32 finden. Alle sichtbaren Liegeplätze für die Nacht waren auf Legerwall und es gab starken Schwell. Während ich zwischen zwei Inseln durchfuhr, überlegte ich ein "worst scenary case", z. B. Motor aus. Und schon war es geschehen! Der Benzintank war leer, der Kfz-Reservekanister musste umgefüllt werden. Das Segel war geborgen, Starkwind, Legerwall auf ca. 300 m und das Boot begann sofort stark zu rollen. Mit diesem Rollen war ein Benzinumfüllen in der nötigen Eile zu riskant. "Pantaenius" war zwar bezahlt, aber musste vermieden werden. Durch das extreme Rollen schlang sich das lose Großfall andauernd um Saling und sogar Diamonds. Großbaum hing noch im Schiebeluk. Aber Lappen hoch und los. Die Shark nahm rechtzeitig Fahrt auf und segelte sich frei. Beim Umfüllen des Benzins in den Honda-Kanister floss ca. die Hälfte auf Deck, da der Trichter nur bei Flachwasser verwendbar ist.
Eine vor Anker liegende Charter-Crew aus Ljubljana mit einer Bavaria 48 hatte meine Manöver offensichtlich beobachtet. Kaum hatte ich dann doch einen windgeschützten Liegeplatz gefunden, festgemacht und eine Runde geschnorchelt, wurde ich an Bord gebeten, als Nudist in ein Gästebadetuch gewandet und mit ausgezeichnetem Rotwein bewirtet. Friedlich schlummernd wurde ich um drei Uhr nachts durch eine auf meinen Bauch springende Katze, die sich durch das offene Vorluk einschlich, schlagartig geweckt. Das Wiederhinausjagen aus dem Boot in finsterer Nacht hinterließ bei mir zwei tiefe blutende Andenken an der linken Hand. Beim Frühstück versuchten noch gezählte 14 Katzen das Boot und mein Frühstück zu erobern. Auslaufen um 10 Uhr bei 4 Bft., Seegang 4, immer hart am Wind, 35 sm bis Vodice. Dreimal heftige Gewitter mit umlaufenden Böen für je eine halbe Stunde. Durch zeitweises Feststampfen des Bootes, überkommendes Wasser von vorne und durch Gewitter auch viel Wasser von oben. Alles nass, mühsam! An diesem Tag ziemlich allein am Wasser, keine Yacht weit und breit. Nach dem Einlaufen um 18 Uhr in die Marina Vodice hatte ich großen Appetit, da ich den ganzen Tag die Pinne nicht verlassen hatte. Daher schmeckten die einfachen Pleskavica im Marine-Wirtshaus in Gesellschaft eines Wiener Einhand-Motorbootfahrers besonders gut. Die ganze Nacht regnete es, Temperatur 16° C. Trotz Heizlüfter ist alles nass. Nach Studium der Wettervorschau lief ich in einer Regenpause um 11 Uhr aus mit Ziel Skradin, Krka-Wasserfälle. Durch eine Winddrehung abgelenkt, übersah ich jedoch die Kanaleinfahrt Sibenik/Skradin und das neue Ziel war somit Primosten.
Knapp vor Primosten schlief der Wind ein und ich barg die Segel und motorte. Plötzlich entdeckte ich Jure mit seiner Compromiss, heftig die müde Fliege machend. Ihm war der Diesel ausgegangen und er bat mich inständigst, ihn in die Marina Kremnik, Distanz ca. 2 sm, zu schleppen. Meine Einwände, dass ca. 10 Charteryachten in Sichtweite für sein 5 t Boot geeigneter wären, ignorierte er händeringend. Also war ich dumm genug, es zu probieren. Mein 5 PS Honda brachte uns mit ca. 75 % Leistung auf 2 kn, Jure widersetzte sich jedoch hartnäckig meinen Anweisungen, nicht zick-zack zu fahren. Seine von ihm übergebene Schleppleine spannte sich jedes Mal ruckartig, bis mir die Geduld riss und ich die Schleppleine löste. Später fand ich heraus, dass die achterne Belegklampe an Steuerbord leicht aus dem Deck herausgerissen wurde. Ich konnte zwar beobachten, wie die Compromiss von einer Charteryacht ins Schlepptau genommen wurde, wollte jedoch mit Jure nicht mehr diskutieren, seine Beschimpfungen waren nicht druckreif. Also, neues Ziel Marina Frappa in Rogoznica.
In der Marina Frappa besuchte ich meinen alten Freund und früheren Nachbarn, Peter Lemerz, der mit seiner Fairline 33 Targa dort einen Dauerliegeplatz hat. Einsetzender Gewitterregen und Schwell trieben mich dann vorzeitig in mein Schiff zur Gulaschkonserve. Trübsal, 16° C und überall Nässe. Die Wettervorschau am nächsten Morgen war unerfreulich, für die nächsten drei Tage wurden Böen von 30 - 40 kn und heftige Regenfälle angesagt. Also, zurück nach Vodice, kranen und frühzeitig nach Hause.
Auf der Küstenstraße zwischen Vodice und Zadar fuhr ich mit meinem Gespann viele Kilometer durch 20 cm hohes Wasser auf der Fahrbahn. Am Montag, dem 23. 09. 2002, war ich um 21 Uhr wieder zu Hause.
Trotz allem bin ich sehr zufrieden. Dieser erste Versuch war doch keinesfalls langweilig gewesen. Abgesehen vom Regenhocken in der nassen Shark-Kajüte hat es mir sehr gefallen. Hatte ich doch 150 sm zurückgelegt, davon 120 sm unter Segel und 30 sm unter Motor.
Das nächste Mal will ich es länger und besser machen.
Helmuth E. Berghofer